Neue Projekte an historischen Orten


Liebe Gäste und Interessenten unseres Adebar-Reiseteams,

Das vergangene Jahr 2020 war für viele von uns ein schwieriges Jahr, touristische Reisen aus der EU nach Russland und umgekehrt waren nicht möglich. Auch für das Kaliningrader Gebiet kann das Jahr 2020 mit keinem der Jahre zuvor verglichen werden.  Sie werden positiv überrascht sein, wieviel interessante Projekte sich derzeit im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau des kulturellen Erbes an historischen Stätten sich in der Entwicklung befinden oder sogar schon abgeschlossen sind.

 

Nicht nur die Kurorte an der Ostsee wie Cranz oder Rauschen mit guter Infrastruktur, sondern auch die vielen kleineren Städte in der grünen Provinz wie z.B. Gerdauen, Insterburg, Tilsit und Ragnit konnten dank der Förderung ganze Stadtbezirke umgestalten und verschönern. Zahlreiche dieser Projekte sind durch die Initiative engagierter Einzelpersonen entstanden. Diese vielversprechenden Entwicklungen möchten wir Ihnen nach und nach vorstellen, beginnend mit der Stadt Ragnit am Ufer der Memel.


An der Memel - Die alte Ordensstadt Ragnit

In den vergangenen Jahren wurde Neman/Ragnit zunehmend auch über das Kaliningrader Gebiet hinaus bekannt. Ganz besonders, seit Ende Juni 2020 die Corona- Einschränkungen in Russland deutlich gelockert wurden und dadurch Reisen innerhalb Russlands bei geschlossenen Außengrenzen möglich wurden. Besonders beeindruckend für die zahlreichen russischen Touristen waren zunächst die majestätischen Ruinen der Ordens-Burg Ragnit, aber gleich danach eine kleine Käserei namens „Tilsit-Ragnit“ (in der Region Kaliningrad sind die deutschen Namen beliebt), die weniger als 100 Meter von der Burgruine entfernt liegt.

 

Initiator dieser interessanten ambitionierten Projekte, zu denen neben der Sanierung der Ruine der Ordensburg und der Käserei mit angeschlossenem Restaurant und einem kleinen Hotel im Fachwerkstil in der Innenstadt von Ragnit auch die Wiederherstellung des historischen Wanderwegs Daubas am Memelufer von Ragnit nach Untereisseln gehört, ist der Unternehmer Ivan Artiuch. Aus Novobobrujsk / Ilmsdorf bei Friedland stammend, ist Ivan Artiuch schon seit seiner Jugend von der reichen Geschichte Ostpreussens, nun seiner Heimat, fasziniert.


Widmen wir uns zunächst der Ordensburg

Kupferstich Ragnit - 17. Jahrhundert
Kupferstich Ragnit - 17. Jahrhundert

Geschichtliches

 

Der Initiative von Herrn Artiuch ist es zu verdanken,  nach  jahrzehntelangen Stillstand und Verfall  die Steine dieser einst mächtigsten Ordensburg im nördlichen Ostpreussen aus ihrem Dornröschenschlaf heraus zu neuem Leben zu erwecken.

 

Anstelle der prussischen Holzburg Raganita errichten die Deutschen Ordensritter die mächtige Ordensburg Ragnit. In den Jahren 1397 – 1409 erbaut, war sie das letzte große Bauwerk des Deutschen Ordens und mit einer Länge von 59 m, vier Stockwerken und einer  Außenmauer von ca. drei Meter Dicke die zweitgrößte nach der an der Nogat gelegenen Marienburg.

 

Im Verlauf einer wechselvollen Geschichte erlitt die Burg die Überfälle der Litauer im 15. Jahrhundert, der Polen, Tataren und Schweden im 17. Jahrhundert und auch der Russen während des 7 jährigen Krieges. Ihre Mauern sahen Peter den Großen und Napoleon. Ab 1825 war hier ein Gefängnis untergebracht und nach einem Brand im Jahr 1828 bei dem die Burg völlig ausbrannte, wurde sie erst 1840 wieder aufgebaut, jedoch bereits vollständig als ein Gefängnis.

 

Im Januar 1945 marschierte die Rote Armee in Ragnit ein, wobei die Burg nur leicht beschädigt wurde. In den Nachkriegsjahren versuchte man sie irgendwie an die wirtschaftlichen Bedürfnisse anzupassen. Leider blieben alle Versuche erfolglos, wahrscheinlich wegen ihres schlechten Ruhms als ehemaligem Gefängnis. An einigen Stellen versuchte man davon Ziegelsteine zu gewinnen, und Mitte der 70er Jahre wurde sie als Kulisse zum Drehen von Kriegsfilmen, was sie schließlich völlig zur Ruine verwandelt hat. Unter den Filmkameras wurden die Innenmauern gesprengt, das Dach brannte nieder und stürzte ein. Der letzte Film über den Krieg wurde dort 1995 gedreht, es ging um die Verteidigung der Brester Festung durch sowjetische Truppen im Jahr 1941.


Käserei, Restaurant und Hotel

Zur Vorgeschichte

Im Zentrum von Ragnit / Neman nicht weit entfernt von der Burg befindet sich eine kleine Käserei im Gebäude des ehemaligen Restaurants DEUTSCHES HAUS. Eigentümer ist Herr Ivan Artiuch.

Die  älteren  Leser unter Ihnen wissen vielleicht noch von diesem historischen Restaurant aus dem Jahre 1792, wohl eine der bekanntesten Gastwirtschaften in Ragnit, mit einem geräumigen und gemütlichen Restaurantsaal. In der Nachkriegszeit hatte dieses Gebäude das Glück, nicht in Ziegel zerlegt, sondern weiterhin als Restaurant genutzt zu werden. Aber mit der Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation seit Anfang der 90er Jahre gab es langsam  Niemanden mehr, der sich einen Restaurantbesuch leisten konnte. Die nur selten ankommende Reisebusse mit deutschen Touristen machten nur einen kurzen Halt am ehemaligen Marktplatz, fotografierten die Burgruine und fuhren, überrascht von der dort herrschenden Verwüstung, rasch weiter. So wurde das Restaurant im Laufe der Zeit geschlossen und das Gebäude selbst begann langsam zu verfallen.

 

2013 hatte das Gebäude ein erneutes Glück. Das für den Abriss vorbereitete Gebäude wurde von dem Unternehmer Ivan Artiuch, dem zu diesem Zeitpunkt die besondere Geschichte dieses Hauses noch nicht bekannt war, erworben. Nach einer Phase der aufwändigen Sanierung eröffnete er dann traditionsgemäß wieder ein Restaurant in diesem historischen Anwesen. Nachdem er bei einer Auktion durch Zufall eine alte Postkarte aus dem Jahr 1899 mit Blick auf die Gastwirtschaft ersteigert hatte, nannte er sein Restaurant DEUTSCHES HAUS. Es war 2015.